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  • Kahlschlag – Amazonien unter Bolsonaro
    Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro setzte auf wirtschaftliche Ausbeutung im Amazonas-Becken, er schwächte dafür systematisch Gesetze und Kontrollen zum Schutz des Regenwalds. Die Abholzung schritt in Rekordtempo voran; die organisierte Kriminalität profitierte. Doch es gibt auch Widerstand. André Karipuna bahnt sich mit der Machete einen Weg durchs Dickicht. Plötzlich weitet sich der Blick und der Anführer des indigenen Volks der Karipuna steht vor dem jüngsten Kahlschlag, vier Hektaren wurden hier gerodet. «Es macht mich traurig, das zu sehen, all die Zerstörung auf unserem Land. Und der Raubbau wird Jahr für Jahr mehr», sagt er. Das Schutzgebiet der Karipuna ist eines von 500 indigenen Reservaten in Brasilien, diese gelten eigentlich als die wichtigsten Bollwerke gegen die Waldzerstörung. Aber das Gesetz wird im Amazonas oft durch das Recht des Stärkeren ersetzt. Die Karipuna wollen das nicht hinnehmen. Laura Vicuña vom indigenen Missionsrat Cimi unterstützt sie dabei. Oft heisse es, der Wald werde von armen Schluckern gerodet. «Aber sie werden angeheuert, das Holz wird verkauft, dann wird im Unterholz Feuer gelegt, Gras wird gesät, Rinder werden drauf gestellt und niemand vertreibt sie», sagt Vicuña. Das sei alles nur in Komplizenschaft mit mächtigen Leuten möglich, welche den Landraub weiter vorantrieben. Die Karipuna zogen vor Gericht, sie klagten selbst gegen die brasilianische Zentralregierung von Präsident Jair Bolsonaro, der sich Anfang Oktober zur Wiederwahl stellt. Schon vor seinem Amtsantritt hatte der Rechtspopulist versprochen, er wolle indigenes Land zur wirtschaftlichen Nutzung freigeben. Alexandre Saraiva war vor seiner Suspendierung oberster Polizeichef im Bundesstaat Amazonas. Er sagt, die Amazonasregion sei heute ein Land ohne Gesetze. «Die Regeln werden von der organisierten Kriminalität gemacht».
    9/24/2022
    28:27
  • Japans Yakuza-Gangsterbanden sterben aus
    Einst bildeten die Yakuza die mächtigsten und reichsten Verbrechersyndikate der Welt. Auch Japans Politik und Wirtschaft zollten ihnen Respekt. Doch scharfe Gesetze schränkten die kriminellen Machenschaften der Yakuza ein. Nun droht ihre Subkultur auszusterben. Den Höhepunkt von Macht und Reichtum erreichten die Yakuza Mitte der Achtziger Jahre. Damals galten sie als das am besten organisierte Verbrecher-Syndikat der Welt. Doch die Milliardenschweren Einnahmen aus illegalem Glücksspiel, Schutzgeld und Aktiengeschäften führten 1985 zu einem blutigen Krieg zwischen konkurrierenden Yakuza-Banden. Mit den Schiessereien auf offener Strasse brachen die Gangster damals ein stillschweigendes Abkommen: Japans Gesellschaft hatte die Yakuza lange als eine Art ehrenwerte Verbrecher akzeptiert. Doch das Blutvergiessen führte zu einem Umdenken. Die Yakuza gerieten ins Visier der Justiz. Inzwischen sind die Einkommensquellen der Yakuza grösstenteils versiegt. Die Digitalisierung haben die alternden Gangster verpasst. Und die grossflächigen Tätowierungen, welche sie einst als Zeichen ihrer Zunft stolz trugen, stigmatisieren heute jene, die zurückfinden wollen in ein geordnetes Leben.
    9/17/2022
    28:23
  • Was der Irak mit dem Exodus seiner Juden verlor
    2500 Jahre lang lebten Jüdinnen und Juden im Irak. In Bagdad war einst gar ein Viertel der Bevölkerung jüdisch. Dann: Der Holocaust, der Zweite Weltkrieg und die Staatsgründung Israels. Heute gibt es kaum mehr Juden im Irak, und auch immer weniger Christen. Das macht auch vielen Muslimen Angst. Der Schriftsteller Eli Amir, 85, lebt in Jerusalem. Bis heute sehnt er sich nach seiner Geburtsstadt Bagdad, obwohl seine jüdische Familie dort auch schreckliche Erfahrungen gemacht hat. Sie überlebte den «Farhud» von 1941, den zweitägigen Pogrom in Bagdad. Danach begann der grosse – zum Teil auch erzwungene – Exodus der jüdischen Bevölkerung aus dem Irak. In Bagdad erinnern sich viele mit Nostalgie an ihre jüdischen Nachbarn von einst. Musliminnen und Muslime schwelgen auf dem ehemaligen jüdischen Hanun-Markt in den Erinnerungen an alte Zeiten, erzählen, wie Religion im Alltag kaum eine Rolle gespielt habe, und wie eng die nachbarlichen Beziehungen einst waren. Auch sie sehnen sich nach dem Bagdad, an das Eli Amir noch jeden Tag denkt, und an einen Irak, den man einst «Vater der Religionen» nannte, weil so viele religiöse Minderheiten dort lebten. «Der Irak ist wie ein Blumenstrauss: entfernt man eine Blume nach der anderen, dann ist es nicht mehr der Irak», sagt Lara Yussif Zara, die christliche Bürgermeisterin von Alqosh. Sie weiss, wovon sie spricht: Der Irak hat nicht nur seine Juden, sondern auch achtzig Prozent seiner Christinnen und Christen verloren. Der Verlust der religiösen Minderheiten wurde mit dem US-Einmarsch in den Irak 2003 beschleunigt. Auch, weil der schiitische Mullah-Staat Iran das Chaos nach den Kriegen, die auf den Sturz Saddam Husseins folgten, nutzte, um den Irak zu kontrollieren. Den alten Irak, nach dem sich heute viele Menschen sehnen, gibt es noch im Kleinen: zum Beispiel in einer versteckten Synagoge in Bagdad.
    9/10/2022
    30:51
  • International: Arktis – die neue Eiszeit
    Jahrzehntelang war die Nordpolarregion eine der friedlichsten weltweit. Nirgendwo kooperierten Russland und der Westen so eng und vertrauensvoll wie hier. Doch nun wird die Arktis zum Kollateralschaden des Ukraine-Kriegs. Die Zusammenarbeit wird eingestellt, im hohen Norden droht gar ein Wettrüsten. Eine neue Ernsthaftigkeit prägte dieses Jahr die Arktis-Manöver «Cold Response» der Nato, ganz im Norden von Norwegen. Mit mehr als 30000 Soldaten aus 27 Ländern waren sie die bisher grössten nördlich des Polarkreises. Die militärischen Aktivitäten im Polarraum nehmen stark zu, vor allem von russischer Seite. Doch nun erhöhen auch die westlichen Alliierten ihre Präsenz. Die Hälfte der Küstenlinie in der Arktis gehört Russland, die andere Hälfte teilen sich Kanada, die USA, das zu Dänemark gehörende Grönland, Island und Norwegen, allesamt Nato-Mitglieder. Die beiden Machtblöcke prallen also im Eismeer direkt aufeinander. Von den meisten Nato-Soldatinnen und -Soldaten ist zu hören: Sie fühlen sich wieder wichtig, seit das Szenario eines Krieges auch in Westeuropa wieder ernsthaft diskutiert wird. Norwegens Armeechef Eirik Kristoffersen nennt das «ein neues Gefühl für die eigene Bedeutung, eine neue Dringlichkeit». Dreissig Jahre lang haben die Anrainerstaaten rund ums Nordpolarmeer gut zusammengearbeitet. In der wichtigsten Institution, dem Arktis-Rat, wurde stets darauf Wert gelegt, Machtpolitik möglichst auszublenden. Doch ob der Geist der Kooperation auch den aktuellen Ukraine-Krieg überlebt, ist zweifelhaft. Die Aktivitäten des Rates sind seit Kriegsbeginn ausgesetzt. Der Klimawandel war der Treiber der Interessenkonflikte in der Arktis, der Ukraine-Krieg ist nun der Brandbeschleuniger. Vorbei die Zeiten, als die Nordpolarregion sehr weit weg war - einsam, arm, kalt, ruhig und friedlich. Mit der Ruhe in der Arktis ist es vorbei. Ob auch mit dem Frieden, dürfte sich bald weisen.
    9/3/2022
    27:13
  • Niederländisches Gas – vom Segen zum Fluch
    Europas grösstes Gasfeld hat den Niederlanden ein halbes Jahrhundert lang viel Geld eingebracht. Aber in den 90er-Jahren begann im Bohrgebiet plötzlich die Erde zu beben. Und seither hat sie sich nicht mehr beruhigt. Unzählige Häuser wurden beschädigt und ihre Bewohner zur Verzweiflung gebracht. Einen grosszügigen Sozialstaat und riesige Infrastrukturprojekte konnten sich die Niederlande dank dem Geld aus der Gasförderung lange Zeit leisten. Doch die Erdbeben im Bohrgebiet haben die Freude am schnellen Geld zerstört. Für die Bevölkerung im Nordosten des Landes, in der Region von Groningen, ist die Gasförderung eine Katastrophe. Im Bohrgebiet haben die ständigen Erdbeben einen Drittel der Gebäude beschädigt. Viele sind unbewohnbar geworden und mussten abgerissen werden. Zehntausende Bewohnerinnen und Bewohner verzweifeln ob der ständigen Aussicht obdachlos zu werden und ob der Bürokratie, mit der sie sich herumschlagen müssen, bis ihr Haus repariert oder neu aufgebaut wird. Viele müssen Jahre lang in provisorischen Unterkünften ausharren. Die Lizenz zur Gasförderung hat ein Konsortium von Shell und Exxon Mobile inne. Dieses leugnete während langer Jahre den Zusammenhang zwischen Gasförderung und Erdbeben. Aber auch als genügend Beweise vorlagen, behinderten und verzögerten Shell und Exxon Mobile die Entschädigung der Erdbebenopfer weiter. Frustriert darüber hat dann der Staat das Heft in die Hand genommen. Trotzdem ist es für die Geschädigten immer noch ein Spiessrutenlauf, bis sie Schadenersatz erhalten. Viele sind über die Jahre psychisch krank geworden. Nach einer langen Reihe von Protesten der Bevölkerung im Bohrgebiet beschloss die Regierung in Den Haag 2018, aus der Gasförderung vorzeitig auszusteigen. Noch etwa ein Fünftel des Gasvorkommens liegt im Boden. Nach einer ersten Euphorie bei den Betroffenen macht sich im Nordosten der Niederlande aber schon wieder Enttäuschung breit. Russlands Krieg in der Ukraine führt zur Gasknappheit und die europäischen Nachbarn machen Druck auf die Regierung in Den Haag. Sie soll ihren Gashahn in dieser Krisensituation nicht auch noch zudrehen.
    8/27/2022
    28:20

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